Kommentar: EMMA über Ganserer, Shitstorm gegen EMMA (01.2022)

Ein feministisches Magazin berichtet über einen Rechtsbruch und kassiert dafür einen Shitstorm. Wir berichten über die Hintergründe – eine kommentierte Auseinandersetzung.

Anlass

Am 19.01.2022 veröffentlichte das feministische Magazin EMMA einen Artikel über die Fraueninitiative „Geschlecht zählt, über die wir bereits hier berichteten.

Anlass war der Einzug einer männlichen Person, Markus „Tessa“ Ganserer, über die Frauenliste der Grünen in den Bundestag, wo sie nun auch offiziell als „weiblich“ geführt wird. Der Bundestagsabgeordnete wird fortan fälschlich in den ohnehin schon peinlich geringen Frauenanteil von 34,7% im Bundestag einberechnet.

Das Benennen dieser Umstände führte zu einem Shitstorm – gegen die EMMA. Das Volk liebt den Verrat, aber hasst den Verräter. Oder in diesem Fall die Verräterin.

Fehlende Rechtsgrundlage

Für den Anspruch, als “weiblich” erfasst zu werden, fehlt die Rechtsgrundlage, da Ganserer nicht nur faktisch, sondern auch rechtlich weiterhin ein Mann ist. 2021 sagte Ganserer, dass er den „offiziellen Gang“ zur juristischen Geschlechtsänderung gemäß Transsexuellengesetz nicht gehen wolle. Er nahm weder die sogenannte „kleine Lösung“ des Transsexuellengesetzes (Vornamenswechsel), noch die sogenannte „große Lösung“ des Transsexuellengesetzes, auf deren Grundlage nach Einholen von zwei psychologischen Gutachten eine Personenstandsänderung vorgenommen wird, in Anspruch.

Bundestag spielt freiwillig mit

Auf der Liste des Bundeswahlleiters wird Ganserer ebenfalls als “w” wie “weiblich” aufgeführt – im Widerspruch zu den juristischen Fakten.

Quelle: https://www.bundeswahlleiter.de/bundestagswahlen/2021/gewaehlte.html Abruf: 28.01.2022

EMMA berichtete darüber, nannte sowohl den amtlichen („Markus“) als auch den gewünschten („Tessa“) Namen und referenzierte auf Ganserer sowohl mit männlichen als auch weiblichen Pronomen. Zur Erinnerung – noch 2018 hatte es in der Süddeutschen Zeitung geheißen:

„Ganserer spricht von sich als transident. Er wechselt zwischen zwei Geschlechtern, mal ist er Mann, mal ist er Frau. In beiden Rollen fühlt er sich wohl, er will sich nicht für eine entscheiden müssen.“

Quelle: https://www.sueddeutsche.de/bayern/politiker-landtag-transgender-1.4204270 vom 10.11.2018

Für die Grünen zählt laut parteiinternem Frauenstatut und Grundsatzprogramm als Frau, wer sich selbst als „Frau“ definiert. Auf dieser Grundlage ließ sich David Allison, damals noch wissenschaftlicher Mitarbeiter der grünen Landtagsabgeordneten Cindy Holmberg, 2021 als „Frau“ in einem Kreisverband der Grünen aufstellen, um die Absurdität dieser Regelung aufzuzeigen. In der Folge wurde er entlassen.

Gründe für den Wahleinspruch

Im aktuellen EMMA-Artikel zum Fall Ganserer wird eine der Initiatorinnen der Initiative geschlecht-zaehlt.de, Hilde Schwathe, zitiert. Sie berichtet darin von den Beweggründen für ihren Wahleinspruch.

„Es geht nicht um den persönlichen Fall Ganserer, sondern um die Neudefinition des Begriffs Geschlecht. […] Sollte sich dieser Geschlechtsbegriff durchsetzen, hätte das Auswirkungen auf alle Gesetze, in denen das Geschlecht relevant ist: vom Familienrecht bis zum Strafrecht. Auch der Gesundheitsbereich und Opfer-Täter-Statistiken sind betroffen.“

Quelle: EMMA: Ganserer: Die Quotenfrau. URL: https://www.emma.de/artikel/markus-ganserer-die-quotenfrau-339185 vom 19.01.2022

Es geht darum, dass hier ein Präzedenzfall geschaffen wird, der ohne Rechtsgrundlage den Weg für die Selbstdeklaration des juristischen Geschlechts ebnen soll – ohne, dass die Auswirkungen auf Frauen auch nur benannt werden dürften.

Operation ab 14?

Die möglichen Rechtsfolgen solch einer Regelung sind bisher nicht diskutiert worden; nirgends wurden die Auswirkungen auf Frauen untersucht. Das Gesetz sähe vor, dass jede und jeder einmal pro Jahr Geschlecht und Namen beim Standesamt ändern kann, ohne – wie bisher – psychologische Gutachten einholen zu müssen. Auch genitalverändernde Operationen stünden Personen ab 14 Jahren frei.

Das wären die Folgen des sog. Selbstbestimmungsgesetzes, das Bundesfamilienministerin Anne Spiegel (Grüne) mittlerweile „Vielfaltsgesetz“ nennt. (Nähere Informationen zu den Gesetzesvorlagen der letzten Legislaturperiode sind hier und hier zu finden.)

Das Gesetzesvorhaben stützt sich auf die sogenannten „Yogyakarta-Prinzipien“ – eine nicht bindende Lobbying-Unterlage, die auch im Koalitionsvertrag 2021–2025 erwähnt wird, obwohl es dazu schon Kritik aus den eigenen Reihen hagelt: Mitautor Robert Wintemute teilte mit, dass die Auswirkungen der Yogyakarta-Prinzipien auf Frauen beim Verfassen des Papiers nicht bedacht wurden. Auch der deutsche Gesetzesentwurf verzichtet auf entsprechende Sicherheitsvorkehrungen zum Schutz von Frauen und Kindern, wie Frauenrechtlerinnen seit Monaten kritisieren.

Wenn nämlich eine sogenannte „Genderidentität“ das reale Geschlecht als Maßgabe für Gesetze, statistische Messgrößen und behördliche Kategorien ersetzt, ist politischer Einsatz für Schutz und Rechte von Frauen nicht mehr ohne weiteres möglich.

Oder, wie Twitter-User Stephan Eckner es ausdrückte:

„Wenn man den Begriff Geschlecht abschafft, verschwindet die Realität geschlechtlicher Körper nicht und damit auch nicht die geschlechtsbasierte Unterdrückung von Frauen. Was verschwindet, ist die Möglichkeit, diese Unterdrückung sprachlich auszudrücken, und damit die Grundbedingung für politische Aktion. Es wäre das Ende des Feminismus als politischer Bewegung.“

Ist Alice Schwarzer eine Transhasserin?

Alice Schwarzer stand im Fokus des aktuellen Shitstorms – obwohl sie den EMMA-Artikel gar nicht verfasst hat. Die Gründerin und Herausgeberin des Magazins wurde als „TERF“ beschimpft (eine abwertende Bezeichnung für Frauen, die das Geschlecht statt einer empfundenen „Genderidentität“ für maßgeblich halten), in geradezu abstruser Unkenntnis der historischen Fakten. Schwarzer hatte sich nämlich höchstpersönlich für die Einführung des Transsexuellengesetzes in den 1980ern eingesetzt und war stets solidarisch mit transsexuellen Menschen.

Schwarzer spricht in „Der kleine Unterschied“ (Erstveröffentlichung 1975) und auch in der 2000 aktualisierten Fassung „Der große Unterschied“ eine deutliche Sprache. Die Auszüge zu Transsexualität („transgender“ war als Begriff und Konzept zu dem Zeitpunkt noch nicht populär) lesen sich sogar wie – etwas veraltet formulierte – Positionen heutiger Trans-Verfechter.

„Und die Gebärfähigkeit ist auch der einzige Unterschied, der zwischen Mann und Frau bleibt. Alles andere ist künstlich aufgesetzt, ist eine Frage der geformten seelischen Identität. Ein Beweis dafür, daß die seelische Geschlechtsidentität ausschlaggebend ist und nicht die biologische, ist auch das Problem des Transsexualismus. […] Bei ihrem Geschlechtsrollendrill ist eine Weiche ,falsch‘ gestellt worden und dadurch wohnt nun sozusagen eine Männer- oder Frauen-Seele in einem falschen Körper. […] Die Psyche ist also entscheidender als die Anatomie.“

Quelle: Alice Schwarzer: Der ,kleine Unterschied‘ und seine großen Folgen. Frankfurt am Main 1986, S. 193 (im Orig. m. Hervorh.).

Die Psyche mag für das persönliche Empfinden bisweilen wichtiger sein als die eigene Anatomie. Als Teil der Gesellschaft sind Frauen jedoch stets an ihre Anatomie gebunden. Sie erfahren gerade wegen ihres Körpers Belästigungen und Diskriminierungen – ganz unabhängig vom Selbstempfinden.

Auch 2022 ist Schwarzer weiterhin solidarisch mit Transsexuellen, wie sie hier betont. Aber in Zeiten, in denen Tatsachen bei der politmedialen Meinungsbewirtschaftung kaum mehr zählen, weil Vorurteile vorherrschen und Gefühligkeiten die digitalen Wogen verlässlich hochgehen lassen, wird die Sachlage gerne geflissentlich ignoriert und bisweilen gar, ja, ins Gegenteil verkehrt. Ergebnis: Schwarzer wird wieder einmal zum Feindbild stilisiert. Denn sie vertritt die bisher bekannte Auffassung von Transsexualität.

Doch TransaktivistInnen wollen bisherige Vorstellungen von Transsexualität aufgeben. Als „transsexuell“ galten bislang konkret jene Menschen, die ein großes Unwohlsein und eine psychische Last wegen ihres Geschlechts empfinden (sog. “Geschlechtsdysphorie”) und ihr tiefes Unwohlsein in letzter Konsequenz (und nach sozialer Erprobung der „neuen Rolle“) mittels genitalverändernder Operationen bekämpfen. Bislang wurde nach dem Transsexuellengesetz u. a. mittels zweier psychologischer Gutachten geprüft, ob bei Personen, die einen Personenstandswechsel vollziehen wollen, auch ein nachhaltiges und sich vermutlich nicht mehr änderndes Bedürfnis danach vorliegt.

Das soll künftig rechtlich nicht mehr gelten; bald soll kein durch objektivierbare Kriterien feststellbares Unwohlsein mehr vorliegen müssen, um Namen, Personenstand und Geschlechtsmerkmale zu verändern. In den neuen Gesetzesentwürfen wird Transsexualität nicht mehr erwähnt, sondern durch die Vorstellung einer (vom Körper) “abweichenden Geschlechtsidentität” ersetzt. Dabei soll rein das empfundene Geschlecht (also Gender) das „Geschlecht“ eines Menschen bestimmen.

Die menschlichen Körper sind in dieser Denkweise zunächst geschlechtslos, erst durch das Ausforschen des „eigenen Genders“ könne das seelenartige „Geschlecht“ erkannt werden. Nur innerhalb dieses Weltbilds sind Aussagen wie in dem folgenden Zitat von Ganserer denkbar, das nur beispielhaft für die Position vieler TransgenderaktivistInnen steht:

„Ein Penis ist nun mal nicht per se ein männliches Genital. Es gibt halt auch Frauen, die einen Penis haben. Und es gibt Männer, die können ein Kind gebären. Und das ist unser gutes Recht.“

Quelle: Dominik Baur: „Ihr langer Kampf um Akzeptanz“ in taz vom 26. 7. 2021. URL: https://archive.is/N5fLL

Das ist natürlich falsch. Frauen haben keinen Penis, Männer können keine Kinder gebären.

Wir sind Menschen in geschlechtlichen Körpern. Das Geschlecht dieser Körper sagt nichts über Charakter, Vorlieben oder Wesen der Person aus. Allerdings bestimmt das Geschlecht sehr wohl die jeweilige Lebensrealität, Behandlung und Wahrnehmung durch die Gesellschaft. Unser Geschlecht hat nichts mit einer „Seele“ oder mit „Gefühlen“ zu tun – wir sind unsere Körper, und das Geschlecht dieses Körpers ist unveränderlich.

Statt sich frei von Geschlechterrollen zu entfalten, soll laut moderner TransaktivistInnen ein fixes Set angeblich „männlicher“ oder „weiblicher“ Klischees und Stereotype das „Geschlecht“ ersetzen: die „Genderidentität“. Diese Position wird von uns abgelehnt, weil sie rückwärtsgewandt und einengend ist – für Männer wie Frauen.

Wenn ein objektives Merkmal wie das physische Geschlecht als Grundlage für spezielle Angebote, etwa im Gesundheitswesen, im Leistungssport, in der Gefängnisunterbringung, abgelehnt wird, wieso sollte die Gruppenzugehörigkeit über eine „Genderidentität“, also einem subjektiven Gefühl („Ich bin eine Frau“), entschieden werden? Sportkategorien, Unterbringungen, Umkleideräume etc. werden aufgrund der geschlechtlichen Körper getrennt und nicht aufgrund von Charaktereigenschaften oder Empfindungen. Diese Trennung ermöglicht Frauen die Teilhabe am öffentlichen Leben in Würde und Sicherheit und, im Falle von Sport, einen fairen und sicheren Wettbewerb.

Auch Alice Schwarzer rief dazu auf, sich von Geschlechterrollen zu befreien. Sie moniert aber in einem Beitrag vom 24. Februar 2021, dass „immer mehr Menschen, vor allem junge, denen nur die ihnen zugewiesene Geschlechterrolle nicht passt, […] sich heutzutage gleich für transsexuell“ halten.

Sollte es stattdessen nicht unser Ziel werden, die Geschlechterrollen nicht etwa auszutauschen – sondern abzuschaffen?! Die Realität zu ändern statt nur den Überbau? Realität ist immer noch, dass im Patriarchat ein weiblicher Mensch eine „Frau“ ist und ein männlicher ein „Mann“. Das ist nicht durch Hormone und Operationen ungeschehen zu machen, nicht durch Wunschdenken zu ändern und schon gar nicht durch einen sogenannten „Sprechakt“.

Alice Schwarzer: Sprechakte und Realität. URL: https://www.emma.de/artikel/koerperpolitik-338437. Beitrag vom 24.02.2021, Zugriff: 30.01.2022.

Dem ist zuzustimmen. Geschlechterstereotypen müssen aufgebrochen werden, Geschlechterrollen gehören abgeschafft.

Statt sich frei von vorgefassten sozialen Geschlechterrollen zu entfalten, soll plötzlich ein neues Set von Genderschablonen gewählt werden, die Körper werden dann teilweise mit der Aneignung von Stereotypen und durch Operationen entsprechend modelliert. Das ist rückschrittig und basiert auf kulturellen, wandelbaren Stereotypen. Statt einer Verfestigung von Klischees sollten sich alle – und nicht nur wir Feministinnen – dafür einsetzen, dass diese Klischees der Vergangenheit angehören: Damit Menschen sich frei entfalten können und die körperliche Realität – nämlich Frau oder Mann zu sein – nur eine Tatsache, aber kein Urteil mehr ist.

Vorwürfe

Der von Medien und PolitikerInnen erhobene Vorwurf gegen die EMMA lautet nun, dass sie „menschenverachtend, „transfeindlich, „diskriminierend agiere. Weil der angesprochene Artikel über die faktisch fehlende Rechtsgrundlage für das Handeln und demnach unrechtmäßige Schaffen von Tatsachen durch Grünen-Abgeordnete(n) Markus „Tessa“ Ganserer berichtet.

Von der BILD-Zeitung über den Tagesspiegel bis zur SZ stellten sich nahezu alle großen Medienhäuser auf Ganserers Seite, lenken vom eigentlichen Thema – dem Rechtsbruch Ganserers – ab und teilten gegen die EMMA aus.

Es darf den lautstarken KritikerInnen zufolge also nicht einmal mehr darauf hingewiesen werden, dass jemand nicht nur körperlich, sondern auch rechtlich weiterhin ein Mann ist. Ebenso verpönt scheint es, den amtlichen Vornamen Ganserers zu nennen, dabei ist es – da er das Transsexuellengesetz nicht in Anspruch genommen hat – eine schlichte Tatsache. Das Benennen der Wahrheit gilt in selbsterklärt liberalen Kreisen mittlerweile als „Hass“ und wird moralisierend sanktioniert. Doch der Kaiser ist längst nackt.

Solidaritäten

Die BILD-Zeitung zeigt sich solidarisch mit Ganserer; im Beitrag von Timo Lokoschat vom 22.1.2022 wird die Erläuterung der Sachlage in der EMMA als „harte Kritik an der Politikerin“ gewertet. Im „Standpunkt“ von Thomas Block in der BILD unter dem Titel „Schluss mit dem Spießrutenlauf!“ vom 23.1.2022 beschreibt der Autor Ganserer als „mutige Frau“, die „zur Zielscheibe radikaler Feministinnen geworden“ sei, die versuchen würden, Ganserer das „Frausein streitig zu machen“. Obwohl der Autor mit der Sprecherin der Initiative, Hilde Schwathe, in Kontakt gewesen war, schreibt er, der Wahleinspruch sei „anonym, versteckt hinter einer ,Initiative‘. Wie feige.“ und spricht sich implizit für das sog. Selbstbestimmungsgesetz aus. Ein Gesetz, für das übrigens auch Dr. Frauke Petry, ehemals AfD, nun fraktionslos, gestimmt hat. In der taz wird fabuliert, dass hinter dem EMMA-Artikel eine „Agenda, „ein transfeindlicher Angriff“ stecke, er sei eine „verschwörungsideologische Dämonisierung; die junge Welt schreibt von „Attacken, von einem „Schlag, von „Hetze“.

Nyke Slawik, MdB für die Grünen und ebenfalls transident, kritisierte das Magazin „Schwulissimo“ harsch, weil es in einem Beitrag dringend auf die Errungenschaften und Jahrzehnte währende Solidarität von Schwarzer verwies und eine respektvolle Debatte einmahnte.

Slawiks Reaktion: „Für ein queeres Magazin ein Armutszeugnis, quasi alle TERF Narrative zu reproduzieren, „Hexenjagd auf Schwarzer?“ zu titeln & rechte Frames („Sprachverbote“) zu nutzen. Sich queer nennen, aber die trans community unter den Bus werfen. Pfui @SCHWULISSIMO“ (25. Januar 2022).

Die Kommentare zu diesem Beitrag auf Twitter enthalten Äußerungen von Personen, die diesen Aufruf zum sachlichen Diskurs als Angriff auf ihre Person und als Verrat werten. Das schlichte Benennen von offenkundigen Tatsachen wie dem Geschlecht einer Person oder die Diskussion über Gesetzesvorschläge wird wiederholt als „Hass“ und „Hetze“ interpretiert.

Tatsächlich traf der „Schwulissimo“-Kommentar einen wunden Punkt auf Seiten der Transgender-AktivistInnen, den Slawik mit der zitierten Reaktion nur bestätigt. Denn in dem behutsam formulierten Beitrag unter dem Titel: „Kommentar: Hexenjagd auf Schwarzer? Wie erreichen wir Fortschritte durch Sprachverbote?“ wird lediglich zu einem sachlichen Diskurs aufgerufen.

In dem Beitrag heißt es:

„Doch wenn wir wirklich wollen, dass eine Veränderung zum Positiven für LGBTI*-Menschen von Dauer ist, müssen wir die Mehrheit einer Gesellschaft von der Wichtigkeit unserer Argumente überzeugen. Das geschieht durch Ruhe, Vernunft und der steten Bereitschaft, miteinander ins Gespräch zu kommen.“

Quelle: ms: Kommentar: Hexenjagd auf Schwarzer? Wie erreichen wir Fortschritte durch Sprachverbote? URL: https://www.schwulissimo.de/neuigkeiten/kommentar-hexenjagd-auf-schwarzer-das-ende-der-diskussionskultur vom 24.01.2022

Frauen als „Hündinnen“

Es wäre wünschenswert, wenn Argumente ausgetauscht würden anstelle von haltlosen Vorwürfen und Diffamierungen. Doch nicht alle öffentlichen DiskussionsteilnehmerInnen sind so besonnen wie der Autor des Magazins „Schwulissimo“.

Außergewöhnlich negativ ist in diesem Zusammenhang Alfonso Pantisano, Bundesvorstand des LSVD (Lesben- und Schwulenverband Deutschland e.V.) und Co-Landesvorsitzender der SPDqueer Berlin, aufgefallen. Er gerierte sich noch eine Woche zuvor als „Feminist, beschimpfte Frauen auf Twitter gar als „TERF“ und erklärte: „Und als Feminist nehme ich mir sehr wohl das Recht heraus für alle Frauen zu sprechen. Angesichts des EMMA-Artikels verlor er anschließend völlig die Fassung und bezeichnete die Zeitschrift als „Schundblatt. Auf die Frage, ob er denn wenigstens deren feministische Meilensteine anerkenne, entgegnete er: „Meilensteine sind nichts wert, wenn man den eigenen Hündinnen erlaubt, ihre Notdurft dort zu hinterlassen.“ Vom Journalisten Jan Fleischhauer darauf angesprochen, löschte Pantisano seinen diffamierenden Tweet und entschuldigte sich bei Fleischhauer – anstatt bei jenen, die er beleidigt hatte. Ein Beispiel von vielen für die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, die Feministinnen dieser Tage quer durch den Blätterwald entgegenweht.

Wer ist eine Frau?

Am 26.01.2022 erschien in der ZEIT ein Beitrag von Mariam Lau unter dem Titel „Wer ist eine Frau?“. Neben familienpolitischen Themen wird darin auch der „Elefant im Raum“ – das Thema „Transsexualität“ – angesprochen.

„Jetzt schlägt das Imperium zurück: Wenn Frauen alles sein können, können Männer auch Frauen sein.“

Quelle: Mariam Lau: Wer ist eine Frau? URL: https://www.zeit.de/2022/05/transsexualitaet-gesellschaftspolitik-ampel-regierung-tessa-ganserer, Artikel vom 26.01.2022

In dem Artikel kommt auch – derzeit die große publizistische Ausnahme – eine Frau zu Wort, die dem geplanten Selbstbestimmungsgesetz kritisch gegenübersteht: Unsere Mitfrau und Vorständin Eva Engelken.

„Wir laufen Gefahr, so die grüne Juristin und Frauenpolitikerin, „dass sich bei uns wiederholt, was wir schon in der Pädophilie-Debatte der Achtzigerjahre erlebt haben: dass im Windschatten von Befreiungsbewegungen wie der Schwulenbewegung Dinge durchgesetzt werden, die eigentlich keiner gewollt hat.“

Quelle: ebd.

Doch die konkreten negativen Konsequenzen eines solchen Gesetzesvorhabens werden weiterhin öffentlich nicht diskutiert, dürfen nicht diskutiert werden. Es wird schlichtweg geleugnet, dass es Interessenskonflikte geben könne, auch wenn in Ländern, in denen ähnliche Regelungen schon angewendet werden, bereits Probleme auftreten oder ähnliche Gesetze missbraucht werden: etwa in Gefängnissen, im Sport, in Frauenhäusern oder ganz trivial, weil ein Mann früher in Rente gehen möchte.

Auch Markus „Tessa“ Ganserer wurde für den ZEIT-Artikel interviewt. Auf die Frage, was für ihn denn eine Frau sei, „wird die Gesprächsatmosphäre eisig“. Er antwortet:

„Die Frage: ‚Ain’t I a woman?‘ – ‚Bin ich keine Frau?‘ – ist so alt wie die Frauenbewegung“, erklärt Ganserer eindringlich. „Sie wurde bereits 1851 von der schwarzen Frauenrechtlerin Sojourner Truth in ihrer legendären Rede gestellt, um den Ausschluss schwarzer Frauen aus der bürgerlich und weiß dominierten Frauenbewegung zu markieren. Später wurde versucht, lesbische Frauen aus feministischen Kreisen auszuschließen.“

Quelle: ebd.

Ganserer, dessen Ehefrau in stereotyper Geschlechterrollenverteilung „in der Zeit [seines Outings] hinter den Kulissen“ aufräumt, weniger Stunden arbeitet und „mit Familienmitgliedern spricht“ [Quelle], eignet sich hier nicht nur das historische Unrecht und die Diskriminierung, die lesbischen Frauen widerfahren ist, an. Er macht sich auch noch mit Sojourner Truth (1797–1883) gemein, einer US-amerikanischen schwarzen Frau und freigelassenen Sklavin, Abolitionistin und Frauenrechtlerin, und stellt so in den Raum, dass seine Situation in irgendeiner Weise mit der von Truth vergleichbar wäre.

Sachlage

Fassen wir zusammen:

  • Ein erwachsener, weißer, deutscher Mann, ausgebildeter Forstwirt, heterosexuell verheiratet, behauptet, er fühle sich als Frau und zieht auf einem Grünen-internen Frauenlistenplatz in den Bundestag ein.
  • Es wurde weder der Vorname geändert, noch der Personenstand.
  • Ganserer sagt offen, dass er die geltenden Möglichkeiten dazu – das Transsexuellengesetz – nicht in Anspruch genommen hat.
  • Entgegen der juristischen Faktenlage erfasst der Bundeswahlleiter Ganserer als „weiblich“. Offizielle Statistiken über den Frauenanteil im Bundestag werden dadurch verfälscht.
  • Frauen kritisieren diesen Vorgang und benennen die Fakten.
  • In der Folge werden Diffamierungskampagnen gegen diejenigen, die diese Fakten aussprechen, gefahren.

Es geht jedoch nicht um Einzelpersonen, sondern um die Sache, denn dieser Fall steht exemplarisch für das, was noch kommen wird. Es werden Gesetze gebeugt und eigene Regeln gemacht. Es geht um Privilegien. Es geht um Macht. Es geht um Deutungshoheit und Sprechverbote.
Wir machen da nicht mit und sind solidarisch mit den Frauen der Initiative „Geschlecht zählt, die gegen die Wahl von Ganserer Einspruch erhoben haben, solidarisch mit Alice Schwarzer, solidarisch mit den Journalistinnen der EMMA. Wir stehen solidarisch mit Frauen.

Geschlecht zählt.